Politik als Religion: Ein fataler Irrweg

Für Viele hat in den letzten Jahrzehnten die Politik die Rolle eingenommen, die früher die Religionen hatten: Sie ist Raum und Mittel persönlicher Sinnfindung und Erlösungshoffnung geworden.

Im Kern stehen zwei in ihrer Absolutheit utopische Vorstellungen: der Glaube an eine heilige, harmonische Natur und der Glaube an das harmonische, gemeinschaftliche Zusammenleben aller Menschen in Gleichheit, Freiheit und gegenseitiger Sorge. Von beidem habe sich die sündige westliche Gesellschaft durch Kapitalismus, Industrialisierung, Machtausübung und Profitgier entfernt, und zu beidem gelte es durch Überwindung der sündhaften Trennung der Menschen untereinander und von der Natur zurückzukehren.

Religiöse Züge heutiger Politik

Es geht um mehr als um den Versuch, die unvollkommenen Welt mit zweckdienlichen Mitteln zu verbessern. Dies erkennt man an der hoch-emotionalen Aufladung politischer Fragen, ihrer Moralisierung und einem erhöhten Schwarz/Weiß- und Gut/Böse-Denken.

Das angeblich politische Projekt ruft sowohl erhebende Gefühle des All-Eins-Seins (mit der Natur, der Menschheit) als auch Gefühle existentiellen Schreckens („Klimakatastrophe“, „Auslöschung der Menschheit“) hervor, die eigentlich der religiöses Sphäre angehören. Es dient, wie Religionen, der Identitätsbildung und Selbstfindung („Ich bin links“) und dem Projekt einer inneren Reinigung („In mir ist kein Rassismus“).

Die Diskussion verschiebt sich von der Beurteilung von Sachzusammenhängen zur moralischen Beurteilung der Diskutanten. Untersuchungen der psychologisch-moralischen Innenwelt politischer Akteure verdrängen Untersuchungen der physikalisch-sozialen Außenwelt. Wichtiger als die wirksame Handlung wird das Demonstrieren der eigenen hohen Moral sich selbst und anderen gegenüber (virtue signaling).

Der eigenen als sündhaft angesehenen Industriegesellschaft dienen Naturvölker mir ihrer angeblichen Harmonie als fast heiliges Gegenbild. Schreckensszenarien werden mit Lust ausgemalt. Die Gesellschaft spaltet sich in Gruppen, die sich mit einer Inbrunst gegenseitig ablehnen, die an die religiösen Differenzen vergangener Zeiten erinnert.

Mögliche Gründe

Dies ist nicht das erste Mal, dass Politik religiöse Züge erhält. Kommunismus und Nationalsozialismus befriedigten ebenfalls religiöse Bedürfnisse in erhöhtem Maße. Es gibt eine Reihe möglicher Gründe, warum dies erneut passiert.

  • Der Niedergang der traditionellen Religionen hat eine religiöse Leere hinterlassen.
  • Wegen der Abnahme traditioneller Gemeinschaften (Familie, Heimat) sucht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit nach neuen Bindungen.
  • Die Sättigung mit materiellem Reichtum in den für die öffentliche Meinung verantwortlichen sozialen Schichten macht gemäß Maslows Bedürfnispyramide Selbstverwirklichungs- und transzendente Bedürfnisse immer wichtiger. Durch die gleiche Sättigung treten zudem die negativen Begleiterscheinungen wirtschaftlichen Wachstums, die es schon länger gibt, immer mehr ins Bewusstsein.
  • Die Sicherheit modernen Lebens und das Verschwinden unmittelbarer existenziellen Bedrohungen führen zu einer Leere an existenziellen Gefühlen, einer Leere an existenzieller Erfahrung, die jetzt auf neue, auch imaginäre Ereignisse projiziert werden.
  • Die neuen Bedrohungen der Zivilisation sind menschengemacht (technisches und menschliches Versagen menschlicher Hochtechnik wie Reaktorunglücke) und lösen in einer Weise moralische Empörung aus, wie sie frühere natürlich-schicksalshafte Katastrophen (Erdbeben, Fluten, Stürme), die unsere Zivilisation erfolgreich minimiert hat, nie taten. Und das, obwohl die neuen Bedrohungen in der Summe viel niedriger sind als die alten!

Ein fataler Irrweg

Die LKR hält die emotionale Aufladung von Politik durch quasi-religiöse Bedürfnisse für einen fatalen Irrweg, der zum Wohle des Landes und zum Wohle zukünftiger Generationen beendet werden muss, weil er mit großen Kosten verbunden ist:

Die Politik wird erheblich schlechter

Eine Politik, die sich an utopischen Wünschen anstatt am Machbaren orientiert, wird am Ende an der Wirklichkeit scheitern. Wunschprojektionen sind keine Basis für eine erfolgreiche Politik. Beispiele für verfehlte Wunschprojektionen liefern die Energiewende, die Euro-Währung, die Einwanderungspolitik, die Berliner Mietenpolitik und vieles mehr, das hier nicht ausgeführt werden kann.

Die Gesellschaft wird gespalten

Religiöser Eifer, auch solcher politischer Natur, neigt dazu, die Welt in Rechtgläubige und Ketzer, Heilige und Anhänger des Bösen einzuteilen. Eine der absoluten Kernaufgaben jeder Politik, nämlich eine Vielzahl von Menschen und Interessen in Frieden zusammenzuhalten, wird dadurch unmöglich. Die Ergebnisse, etwa die Cancel-Culture, kann man im Moment fast täglich sehen.

Zivilsatorische Errungenschaften sind bedroht

Unsere Zivilisation hat der Menschheit enormen Fortschritte gebracht: Rückgang absoluter Armut, Sieg über Krankheiten, Rückdrängung von Despotismus, Etablierung einer Herrschaft des Rechts, historisch niedriges Gewaltniveau, Toleranz von Minderheiten, um nur einiges zu nennen. Dies alles ist nur möglich durch eine wirtschaftlichen Produktivität, wie sie die Menschheit noch nie gesehen hat. Wer die westliche Zivilisation pauschal ablehnt, wird nicht einfach ihre Mängel beseitigen. Er wird ihre enormen Errungenschaften zerstören, und viele der Mängel werden bleiben oder schlimmer werden.

„Der Versuch den Himmel auf Erden zu verwirklichen…“

Einer Politik mit religiösen Zügen ist es noch nie gelungen, alle Dissidenten zu überzeugen. Mit der Zeit führt ihr irrealer Ansatz zu immer mehr Misserfolgen. Sie ist dadurch gezwungen, die Wahrheit und abweichende Meinungen immer stärker zu unterdrücken. Dies führt zu einer mehr oder minder ausgeprägten und brutalen Gesinnungsdiktatur. Wie Karl Popper feststellte: „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.“

Die LKR fordert:

Die LKR will eine Rückkehr zu einer nüchternen, vernunftbasierten, wissenschaftlich fundierten und wirklichkeitsorientierten Politik. Die Errungenschaften der westliche Zivilisation sind zu erhalten. Ihre Nachteile sind zu mindern; sie muss sie an die natürlichen ökologischen Grenzen angepasst und in vielen Bereichen weiterentwickelt und verbessert werden. Aber Wunschträume aus der religiösen Sphäre haben hier nichts zu suchen. Eine realistische, wirklichkeitsbasierte Politik ist der einzige Weg, die Zukunft für unser Land, aber auch für diese Erde als ganze zu sichern.

Weiterführende Literatur
  • Norbert Bolz: Die Avantgarde der Angst, Berlin: Matthes & Seitz 2020
  • Klaus-Rüdiger Mai: Die Zukunft gestalten wir: Wir wir den lähmenden Zeitgeist endlich überwinden, München: LMV 2021
  • Hermann Lübbe: Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft, Berlin: Lit-Verlag 2019

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